Der folgende Text wurde von Balz Bruppacher, Chefredaktor der ehemaligen Schweizer AP/ddp - Redaktion, verfasst und nicht redigiert. Er gibt allein seinen Standpunkt wieder. Vergleichen Sie im selben Zusammenhang:
- Den Artikel im i-Info vom 22. März 2010, hier
- Den Standpunkt von Chefredaktor Bernard Maissen, Chefredaktor der SDA, hier
Das bittere Ende und offene Fragen
Innerhalb von 52 Tagen haben die Nachrichtenagenturen AP, ddp und sda die Konkurrenz im Angebot von Schweizer Inlandnachrichten beseitigt. Ein Vierteljahr nach dem Überraschungscoup ist klar, dass die Informations- und Meinungsvielfalt Schaden genommen hat. Wenig transparent sind noch immer die Motive der handelnden Personen, vor allem jene der sda-Eigner.
Hier der Rückblick aus der Sicht des betroffenen Redaktionsleiters sowie einige Mutmassungen und Fragen, deren Klärung im Interesse der Schweizer Medien und auch der Politik liegen müsste. Am Anfang der Entwicklung stand der Entscheid der Associated Press (AP), aus den Diensten in französischer und deutscher Sprache auszusteigen. Ausschlaggebend waren neben strategischen Überlegungen – Investitionen in den digitalen Bereich und auf Wachstumsmärkten in Schwellenländern – finanzielle Engpässe sowie grosse strukturelle und konjunkturelle Probleme auf dem Heimmarkt USA der genossenschaftlich organisierten Weltagentur.
Der 1981 mit ausdrücklicher Unterstützung der Schweizer Verleger und der SRG gegründete Schweizer Dienst war von dieser Entwicklung in doppelter Hinsicht betroffen, bot er doch von Anfang an einen zweisprachigen Dienst in Deutsch und Französisch an. Während der Ausstieg aus dem französischsprachigen Dienst zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen noch nicht vollzogen ist, schlossen AP und die Eigentümer des Deutschen Depeschen Dienstes (ddp) am 7. Dezember 2009 einen Vertrag für den Verkauf der AP GmbH in Frankfurt/M sowie eine Lizenzvereinbarung ab. Damit wechselte auch die Schweizer Zweigniederlassung mit Ausnahme der bei AP verbliebenen sechsköpfigen Westschweizer Redaktion den Besitzer.
Der neu als ddp Schweiz firmierende Deutschschweizer Dienst kündigte öffentlich – in Gesprächen mit wichtigen Schweizer Kunden und in einem Anfang 2010 platzierten Stelleninserat – eine Expansion auf dem Schweizer Markt an. Im Nachhinein wurde aber bekannt, dass ddp bereits vor dem Vertragsabschluss mit AP vertraulich mit der Schweizerischen Depeschenagentur (sda) verhandelte. Im Vertrag mit AP war eine Abtretung der Lizenz in der Schweiz von ddp an sda als Option zudem bereits vorgesehen.
Am 27. Januar stimmte der sda-Verwaltungsrat – dem Vernehmen nach einstimmig bei einer Enthaltung – einer Lizenzvereinbarung für die exklusive Nutzung des ehemaligen deutschsprachigen AP-Dienstes während zehn Jahren zu. Gleichzeitig verpflichtete sich ddp, den ehemaligen Schweizer AP-Dienst auf den frühestmöglichen Zeitpunkt zu schliessen. Dies wurde einen Tag später, am 28. Januar in die Wege geleitet: ddp kündigte der gesamten Schweizer Belegschaft mit Ausnahme des Chefredaktors. Entgegen der damaligen gemeinsamen Mitteilung von sda und ddp wurde das Schweizer AP-Büro nicht in ein Korrespondentenbüro umgewandelt. Die sda liess zudem umgehend verlauten, dass sie niemanden aus der entlassenen ehemaligen AP-Redaktion einstellen werde.
Für die rund 20 Beschäftigten des ehemaligen Schweizer AP-Dienstes war die Ankündigung der Betriebsschliessung ein Schlag ins Gesicht. Sie waren für den 28. Januar zu einer Redaktionssitzung einberufen worden, um mit neuem Elan die ddp-Zukunft zu planen. Die Schliessung erfuhren sie durch eine OTS-Mitteilung; der Chefredaktor wurde gleichzeitig auf einer Zugfahrt vom Flughafen Zürich-Kloten nach Bern vom ddp-Geschäftsführer ins Bild gesetzt.
ddp und sda begründeten den Deal mit der veränderten Medienlandschaft in der Schweiz und dem damit verbundenen Kostendruck. Die sda sprach in einer Hausmitteilung von einem „Meilenstein“ und erklärte unter Hinweis auf die Situation in anderen Ländern, die Konkurrenz der Zweitagentur sei ein „Sonderfall“ gewesen. Der Abschied vom „Sonderfall“ sei auch im Interesse der Kunden.
Allerdings war der Schweizer AP-Dienst bis zuletzt kein Verlustgeschäft gewesen. Ein AP-Manager aus London hatte der Schweizer Redaktion im Frühling 2007 in Bern erklärt, sie sei der profitabelste Bereich in der EMEA-Region. Die wirtschaftliche Situation hat sich seither für sda und AP verschlechtert. Zum einen kam die Bereinigung auf dem Markt der Gratiszeitungen in Gang. Zum anderen stürzten die Inserateeinahmen ab. Die Frage, ob der Schweizer Markt zwei Nachrichtenagenturen finanzieren kann oder nicht, lässt sich aber erst beantworten, wenn die Konjunkturkrise überwunden ist. Hinzu kommt der Umstand, dass der ehemalige AP-Dienst mangels Investitionsbereitschaft des Mutterhauses den Nicht-Medien-Markt in der Schweiz nie aktiv bearbeitet hat.
Selbst wenn man der Argumentation der sda folgen würde – sie lobbyierte in den letzten Monaten in der Politik überdies mit der angeblichen Gefährdung des französischsprachigen Dienstes -, bleiben mehrere Fragen offen. Einem durch eine Indiskretion bekannt gewordenen Vorvertrag zwischen sda und ddp ist zu entnehmen, dass die sda bereit war, für die Schaffung des Monopols mehr als zehn Millionen Franken zu zahlen. Wie lässt sich eine derart hohe Summe aus der Sicht der sda-Eigentümer rechtfertigen, die ihre eigenen Redaktionen gleichzeitig einer zweiten Agenturquelle beraubten? Wer von den Grossaktionären der sda hat ein Interesse an einem solchen Deal? Welches Ziel verfolgt die mit Gebührengeldern finanzierte SRG mit der Zustimmung zu dem Deal? Wieso haben die sda-Grossaktionäre ihre Chefredaktionen vor dem Vertragsabschluss nicht konsultiert?
Fragen zum Sinn und zu den Folgen des Deals müssen sich die sda-Aktionäre auch mit Blick auf die kommende Generalversammlung machen, an der am 24. Juni das Kapital von zwei auf zehn Millionen Franken aufgestockt werden soll. Ist es zum Beispiel die Aufgabe der SRG, der Bildung des Monopols noch neues Geld hinterherzuwerfen?
Die betroffene ehemalige AP-Redaktion muss sich derweil mit Solidaritätsbekundungen trösten. Kollegen und Kunden, aber auch Behörden, Institutionen und Unternehmen bedauern das Verschwinden der Konkurrenz, die in den letzten drei Jahrzehnten auch von der sda wiederholt als fair, loyal und befruchtend bezeichnet worden war. Gespannt darf man sein, wie sich das Monopol auf die Qualität der Berichterstattung und auf die Preise auswirkt.
Balz Bruppacher, Chefredaktor der ehemaligen Schweizer AP/ddp - Redaktion
- Den Artikel im i-Info vom 22. März 2010, hier
- Den Standpunkt von Chefredaktor Bernard Maissen, Chefredaktor der SDA, hier
Das bittere Ende und offene Fragen
Innerhalb von 52 Tagen haben die Nachrichtenagenturen AP, ddp und sda die Konkurrenz im Angebot von Schweizer Inlandnachrichten beseitigt. Ein Vierteljahr nach dem Überraschungscoup ist klar, dass die Informations- und Meinungsvielfalt Schaden genommen hat. Wenig transparent sind noch immer die Motive der handelnden Personen, vor allem jene der sda-Eigner.
Hier der Rückblick aus der Sicht des betroffenen Redaktionsleiters sowie einige Mutmassungen und Fragen, deren Klärung im Interesse der Schweizer Medien und auch der Politik liegen müsste. Am Anfang der Entwicklung stand der Entscheid der Associated Press (AP), aus den Diensten in französischer und deutscher Sprache auszusteigen. Ausschlaggebend waren neben strategischen Überlegungen – Investitionen in den digitalen Bereich und auf Wachstumsmärkten in Schwellenländern – finanzielle Engpässe sowie grosse strukturelle und konjunkturelle Probleme auf dem Heimmarkt USA der genossenschaftlich organisierten Weltagentur.
Der 1981 mit ausdrücklicher Unterstützung der Schweizer Verleger und der SRG gegründete Schweizer Dienst war von dieser Entwicklung in doppelter Hinsicht betroffen, bot er doch von Anfang an einen zweisprachigen Dienst in Deutsch und Französisch an. Während der Ausstieg aus dem französischsprachigen Dienst zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen noch nicht vollzogen ist, schlossen AP und die Eigentümer des Deutschen Depeschen Dienstes (ddp) am 7. Dezember 2009 einen Vertrag für den Verkauf der AP GmbH in Frankfurt/M sowie eine Lizenzvereinbarung ab. Damit wechselte auch die Schweizer Zweigniederlassung mit Ausnahme der bei AP verbliebenen sechsköpfigen Westschweizer Redaktion den Besitzer.
Der neu als ddp Schweiz firmierende Deutschschweizer Dienst kündigte öffentlich – in Gesprächen mit wichtigen Schweizer Kunden und in einem Anfang 2010 platzierten Stelleninserat – eine Expansion auf dem Schweizer Markt an. Im Nachhinein wurde aber bekannt, dass ddp bereits vor dem Vertragsabschluss mit AP vertraulich mit der Schweizerischen Depeschenagentur (sda) verhandelte. Im Vertrag mit AP war eine Abtretung der Lizenz in der Schweiz von ddp an sda als Option zudem bereits vorgesehen.
Am 27. Januar stimmte der sda-Verwaltungsrat – dem Vernehmen nach einstimmig bei einer Enthaltung – einer Lizenzvereinbarung für die exklusive Nutzung des ehemaligen deutschsprachigen AP-Dienstes während zehn Jahren zu. Gleichzeitig verpflichtete sich ddp, den ehemaligen Schweizer AP-Dienst auf den frühestmöglichen Zeitpunkt zu schliessen. Dies wurde einen Tag später, am 28. Januar in die Wege geleitet: ddp kündigte der gesamten Schweizer Belegschaft mit Ausnahme des Chefredaktors. Entgegen der damaligen gemeinsamen Mitteilung von sda und ddp wurde das Schweizer AP-Büro nicht in ein Korrespondentenbüro umgewandelt. Die sda liess zudem umgehend verlauten, dass sie niemanden aus der entlassenen ehemaligen AP-Redaktion einstellen werde.
Für die rund 20 Beschäftigten des ehemaligen Schweizer AP-Dienstes war die Ankündigung der Betriebsschliessung ein Schlag ins Gesicht. Sie waren für den 28. Januar zu einer Redaktionssitzung einberufen worden, um mit neuem Elan die ddp-Zukunft zu planen. Die Schliessung erfuhren sie durch eine OTS-Mitteilung; der Chefredaktor wurde gleichzeitig auf einer Zugfahrt vom Flughafen Zürich-Kloten nach Bern vom ddp-Geschäftsführer ins Bild gesetzt.
ddp und sda begründeten den Deal mit der veränderten Medienlandschaft in der Schweiz und dem damit verbundenen Kostendruck. Die sda sprach in einer Hausmitteilung von einem „Meilenstein“ und erklärte unter Hinweis auf die Situation in anderen Ländern, die Konkurrenz der Zweitagentur sei ein „Sonderfall“ gewesen. Der Abschied vom „Sonderfall“ sei auch im Interesse der Kunden.
Allerdings war der Schweizer AP-Dienst bis zuletzt kein Verlustgeschäft gewesen. Ein AP-Manager aus London hatte der Schweizer Redaktion im Frühling 2007 in Bern erklärt, sie sei der profitabelste Bereich in der EMEA-Region. Die wirtschaftliche Situation hat sich seither für sda und AP verschlechtert. Zum einen kam die Bereinigung auf dem Markt der Gratiszeitungen in Gang. Zum anderen stürzten die Inserateeinahmen ab. Die Frage, ob der Schweizer Markt zwei Nachrichtenagenturen finanzieren kann oder nicht, lässt sich aber erst beantworten, wenn die Konjunkturkrise überwunden ist. Hinzu kommt der Umstand, dass der ehemalige AP-Dienst mangels Investitionsbereitschaft des Mutterhauses den Nicht-Medien-Markt in der Schweiz nie aktiv bearbeitet hat.
Selbst wenn man der Argumentation der sda folgen würde – sie lobbyierte in den letzten Monaten in der Politik überdies mit der angeblichen Gefährdung des französischsprachigen Dienstes -, bleiben mehrere Fragen offen. Einem durch eine Indiskretion bekannt gewordenen Vorvertrag zwischen sda und ddp ist zu entnehmen, dass die sda bereit war, für die Schaffung des Monopols mehr als zehn Millionen Franken zu zahlen. Wie lässt sich eine derart hohe Summe aus der Sicht der sda-Eigentümer rechtfertigen, die ihre eigenen Redaktionen gleichzeitig einer zweiten Agenturquelle beraubten? Wer von den Grossaktionären der sda hat ein Interesse an einem solchen Deal? Welches Ziel verfolgt die mit Gebührengeldern finanzierte SRG mit der Zustimmung zu dem Deal? Wieso haben die sda-Grossaktionäre ihre Chefredaktionen vor dem Vertragsabschluss nicht konsultiert?
Fragen zum Sinn und zu den Folgen des Deals müssen sich die sda-Aktionäre auch mit Blick auf die kommende Generalversammlung machen, an der am 24. Juni das Kapital von zwei auf zehn Millionen Franken aufgestockt werden soll. Ist es zum Beispiel die Aufgabe der SRG, der Bildung des Monopols noch neues Geld hinterherzuwerfen?
Die betroffene ehemalige AP-Redaktion muss sich derweil mit Solidaritätsbekundungen trösten. Kollegen und Kunden, aber auch Behörden, Institutionen und Unternehmen bedauern das Verschwinden der Konkurrenz, die in den letzten drei Jahrzehnten auch von der sda wiederholt als fair, loyal und befruchtend bezeichnet worden war. Gespannt darf man sein, wie sich das Monopol auf die Qualität der Berichterstattung und auf die Preise auswirkt.
Balz Bruppacher, Chefredaktor der ehemaligen Schweizer AP/ddp - Redaktion


