Varna-Deklaration der EFJ

Journalismus an der Spitze des Wandels

Die Varna-Deklaration der Europäischen Journalisten-Föderation

Die weltweite und insbesondere in Europa dramatische Umstrukturierung in der Medienwirtschaft stellt alle im Journalismus und der Medienindustrie Beschäftigten vor ernsthafte Herausforderungen.

Die technischen Möglichkeiten, die es Menschen erlaubt, Inhalte zu generieren und zu verbreiten, bringen alle im Dienst der Gesellschaft aktiven Medien, in eine schwierige Lage. Während Blogs und soziale Netzwerke ein Licht auf neue Teile der Welt werfen, wird bei den traditionellen Medien und insbesondere bei den Zeitungen, das Licht ausgeknipst.

Medienmärkte brechen zusammen. Die Flucht der Anzeigenkunden ins Internet und eine neue Generation von Nutzern, die weniger Zeit für Zeitungen und Fernsehen haben, haben Panik ausgelöst in einer Industrie, in der nun Arbeitsplätze abgebaut und redaktionelle Ausgaben auf Kosten des Qualitätsjournalismus gekürzt werden, was zwangsläufig den demokratischen Pluralismus schwächen muss.

Ausgelöst von Unternehmern, die angesichts der jüngsten ökonomischen Krise immer mehr Gewinn aus diesem Sektor ziehen wollten, hat sich der Niedergang von Journalismus und Medien in Europa in den zurückliegenden Monaten dramatisch beschleunigt. Die Medienkrise, deren Zeugen wir gegenwärtig in Europa werden, begann allerdings schon vor Jahren – lange vor der gegenwärtigen Rezession.

Die Krise hat dramatische Auswirkungen auf die Berichterstattung über das politische, soziale und demokratische Leben in Europa. Es gibt kein zufrieden stellendes Gleichgewicht mehr zwischen Medien des privaten Sektors und öffentlich-rechtlichen Anstalten – insbesondere Rundfunk- und Fernseh-Sendern – , das den europäischen Bürgern traditionell pluralistische und vielfältige Informationen geboten hat.

Es gibt keinerlei Sicherheit mehr, dass mediale Vielfalt aufrecht erhalten bleiben kann. Dem privaten Sektor ist es nicht mehr möglich, die Bereitstellung von Informationsdiensten zu garantieren, die zentral für den Erhalt und die Verbesserung demokratischer Standards in Europa gewesen sind.

Gleichzeitig befinden sich die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in einer selbst gemachten Krise und sind übermäßigem politischem Druck ausgesetzt (1). Im europäischen Kernland stehen sowohl öffentliche wie auch private Medien gleichermaßen unter extremem Druck.

Dies ist keine kurzzeitige Krise. Das Ausmaß des Zusammenbruchs der traditionellen Medien in den Vereinigten Staaten hat bereits enorme Schockwirkung sowohl auf die Medienschaffenden wie auf die öffentlichen Körperschaften. Und es gibt wenig Zweifel daran, dass auch Europa – eher früher als später – den Konsequenzen der Markt-Restrukturierung gegenüberstehen wird.

Dieser Wandel ist unaufhaltsam und bietet das Potenzial für die Bildung von offeneren, engagierteren und besser informierten Gemeinschaften, doch das wird nur dann geschehen, wenn der professionelle, den öffentlichen Anliegen dienende Journalismus geschützt wird – um die öffentliche Debatte anzuregen, zu bilden und zu informieren, und um alle jene, die in der Gesellschaft Macht ausüben, zur Rechenschaft zu ziehen. Journalismus stellt die Mechanismen für Untersuchungen und die Überprüfung von Korruption bereit und erhält die Gesellschaften transparent.

Als Antwort auf diese Herausforderungen glaubt die Europäische Journalisten-Föderation (EJF), dass die Zukunft des Journalismus auf nationaler wie auf internationale Ebene ins Zentrum der Diskussion gebracht werden muss über die Schlüsselrolle, die Medien überall in Europa spielen, um Demokratie, basierend auf Stabilität, sozialer Gerechtigkeit und Fairness, aufzubauen.

Die Journalisten und ihre Gewerkschaften sind entschlossen, die Arbeitsbedingungen, beruflichen Standards und Gewerkschaftsrechte zu verteidigen, die das Lebenselixier der demokratischen Medien sind. Wir glauben, dass Journalismus und Medienberufe, als kreatives Herz der europäischen Medien geschützt, unterstützt und ermutigt werden müssen, sich zu entwickeln.

Vor diesem Hintergrund ruft die EJF auf zu einer europaweiten Kampagne , um den Einsatz für die Werte öffentlicher Dienstleistungen in den Medien und den Qualitätsjournalismus wiederzubeleben, und zwar durch die Initiative Ethischer Journalismus, die sich an den folgenden Prinzipien orientiert:

  1. Die EJF stellt sich erbittert allen Formen von Zensur und Selbstzensur entgegen, die den Fortschritt behindern. Demokratie kann nicht funktionieren, wenn Regierungen nicht die gesetzlichen und regulierenden Bedingungen schaffen, die es Journalisten erlauben, unbehindert zu arbeiten. 
  2. Journalismus muss verlässlich und glaubwürdig sein. Das setzt Investitionen in Arbeitsplätze und in die Arbeit der Journalisten voraus sowie das Ausmerzen von bedenklichen sozialen und beruflichen Bedingungen. Das Recht aller Journalisten – fest angestellter oder freier – unter erträglichen Bedingungen zu arbeiten, mit ihren Autorenrechten und ihrem beruflichen Status untermauert von schützenden Regularien, ist der Garant von Qualitätsjournalismus. 
  3. Es muss eine größere Verpflichtung für berufliche Aus- und Fortbildung geben – besonders in Gesellschaften, die offenere, pluralistischere und repräsentativere Regierungen anstreben. 
  4. Multimediales Zusammenspiel benötigt neue Aufsichts-Modelle: Presserat und Rundfunkrat sowie verschiedene Formen von Selbst- und Mitregulierung und rechtlich verbindliche Regeln. Bestehende Strukturen werden durch die vom Internet geschaffenen Tatsachen zunehmend obsolet. 
  5. Die sich wandelnde Welt der Informationen erfordert Innovationen und einen neuen Weitblick, basierend auf alten und erprobten Werten. Die EJF erkennt an, dass diese Herausforderungen nicht von Journalisten und ihren Gewerkschaften allein gemeistert werden können. Wir müssen neue Allianzen bilden, in denen alle Beteiligten – Medienbesitzer, gesellschaftliche Gruppen und Politiker auf nationaler und europäischer Ebene – neue Verhandlungen und Diskussionen beginnen über die Stärkung der Rolle der Medien. 

Wir müssen die Gelegenheit anlässlich des Wechsels in der Administration der Europäischen Union 2009 nutzen, um auf nationaler und europäischer Ebene eine öffentliche Diskussion über die Zukunft der Medien in Europa zu starten.

Diese Debatte darf sich nicht nur auf die Kommunikationspolitik oder technische Angelegenheiten beschränken, die sich aus dem technologischen Zusammenspiel von Telefon, Rundfunk, Druck und digitalen Medien ergeben. Diese sind zwar wichtig, aber die kritische und historische Herausforderung besteht darin, die Rolle des Journalismus als zentralen Mechanismus für Pluralismus und öffentliches Engagement im demokratischen Leben Europas zu verstärken.

Aus diesem Grund erklärt die EJF auf ihrem Jahrestreffen in Varna, dass sie die europäischen Journalisten an der Spitze des Wandels in den folgenden Aktionen in den Mittelpunkt stellen will:

  • Energisches Eintreten für einen Wandel in der europäischen Politik, um eine umfassende Untersuchung von Medien-Entwicklungen zu ermöglichen und neue Initiativen zu ermutigen, einschließlich eines europaweiten Gipfeltreffens aller Beteiligten sowie die Bildung einer Medien-Einsatzgruppe der Europäischen Union mit gewerkschaftlicher Beteiligung, um die Mitgliedstaaten durch die Unsicherheiten, die durch die Medienkrise entstanden sind, zu leiten. 
  • Mit Medienbesitzern und anderen Partnern die Möglichkeiten für eine Verbesserung der Dialog-Strukturen mit Politkern und Regierungen erforschen. 
  • Eingaben auf nationaler und europäischer Ebene unterstützen, um schnelle Hilfe für die Medien zu gewähren, und gleichzeitig darauf bestehen, dass jegliche Form von Unterstützung, sei es in traditioneller oder innovativer Weise, nur unter folgenden Bedingungen erfolgt: Achtung der ethischen Prinzipien der redaktionellen Unabhängigkeit und journalistischen Freiheit und die Stärkung dieser Werte in der sich wandelnden Landschaft der Medienorganisation und des Journalismus; Achtung der sozialen Rechte, einschließlich der Arbeitsstandards und anständiger Arbeitsbedingungen für Journalisten und andere Medienschaffende; Investitionen in Qualitätsjournalismus, Förderung von Vielfalt und Bestätigung des Werts öffentlicher Dienstleistungen in pluralistischen Mediensystemen; 
  • Die Beobachtung des Wandels fortsetzen, der überall in der Industrie stattfindet und über diese Entwicklungen berichten. 
  • Journalisten in ihrem Widerstand gegen rücksichtslose Kostenreduzierungs-Strategien unterstützen und die Entwicklung von starken EJF-Gewerkschaften überall in Europa und ihre Fähigkeit, alle Gruppen der Gesellschaft, insbesondere junge Menschen, zu erreichen, fördern. 
  • Im Jahr 2009 eine europaweite Konferenz über die Medienkrise organisieren, um weitere Aktionen für die Verteidigung der journalistischen Arbeit und die Entwicklung neuer Initiativen zur Stärkung der Medien festzulegen.

Nach Überzeugung der EJF wird die Zukunft sowohl große Möglichkeiten als auch machtvolle Herausforderungen bringen. Wir unterstützen unsere Mitgliedsgewerkschaften bei der Verteidigung des Berufsbilds und der Arbeitsplätze von Journalisten und wir werden neue Engagements, Verhandlungen und Diskussionen über die Zukunft fördern, welche die Bedeutung einer von Werten, Dialog und Pressfreiheit bestimmten Gesellschaft hervorheben.

Varna, Bulgarien 16. Mai 2009

 

(1) Siehe den kürzlich erschienen Report „Televison across Europe. More Channels, Less Independence“, veröffentlich vom Open Society Institute, welcher darlegt, dass in Albanien, Bulgarien, der Tschechischen Republik, Italien, Litauen, Polen, Mazedonien, Rumänien und der Slowakei die Unabhängigkeit akut gefährdet ist.

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