Qualitätsjournalismus zwischen Leidenschaft und Realität

In einem wirtschaftlich und medial herausfordernden Umfeld können Förderpreise helfen, finanzielle Mittel für Qualitätsjournalismus zu sichern. Die Journalistin Rachel Barbara Häubi reiste 2023 mit einer solchen Unterstützung nach Grönland – und erzählt vom Spagat zwischen Finanzierung und Recherche in der Arktis.

Photo: Académie suisse des sciences, 15 novembre 2024

"Seit einem Jahr verfolgte ich die Forschung der GreenFjord-Expedition der EPFL und des Swiss Polar Institute. Dieses Projekt war von Anfang an besonders, weil es die gewohnten Denkmuster der Naturwissenschaften durchbrach und erstmals die Perspektive der Inuit-Gemeinschaften einbezog. Meine Kollegin Aurélie Coulon interessierte sich ebenfalls dafür. Gemeinsam erarbeiteten wir eine umfassendere Reportage und beantragten finanzielle Unterstützung, um die Kosten vor Ort zu decken“, erklärt Rachel Barbara Häubi nach ihrer Expedition in Grönland. Diese Reportage, veröffentlicht in Heidi.news und Le Temps, wurde durch den von impressum mitbegründeten JournaFonds, die Jordi-Stiftung, die Schweizer Akademien der Wissenschaften und die Gerbert-Ruf-Stiftung unterstützt.

„Ohne diese Unterstützung wäre das Projekt nicht möglich gewesen. Wir sind sehr dankbar“, sagt sie. Die Zusammenarbeit mit anderen Kollegen, darunter Kylian Marcos, Journalist bei Le Temps, sei eine grosse Hilfe gewesen. "Wir wollten eine innovative, interaktive Multimedia-Reportage erstellen, insbesondere mit einem 'Scrolly-Telling'-Ansatz. Während ich die Chance bekam, vor Ort in Grönland zu recherchieren, war das Team in der Redaktion eine tragende Säule im Hintergrund.»

Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit – geprägt von Engagement und einer präzisen Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des Klimawandels – wurde ausgezeichnet. Die Akademien der Wissenschaften Schweiz verliehen dafür den erstmals ausgeschriebenen Prix MultiMédia.

Die Qualität dieser Arbeit hat noch einen weiteren Ursprung – sie liegt in der unkonventionellen und engagierten Laufbahn von Rachel Barbara Häubi. Während ihres Geographiestudiums lebte sie über ein Jahr in Australien und arbeitete dort Seite an Seite mit den Aborigine-Gemeinschaften. Zurück in der Schweiz erhielt sie 2021 das Jordi-Stipendium, das ihr eine zweimonatige Forschungsreise in die norwegische Arktis ermöglichte. Dort begleitete sie im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Universität Neuchâtel samische Rentierzüchter.

Im folgenden Jahr reiste sie nach Alaska. „Ich wollte jene Perspektiven verstehen, die in der medialen Berichterstattung über Umweltfragen oft zu kurz kommen. Vor Ort stösst man oft auf komplexe und unerwartete Perspektiven. So sorgen sich zum Beispiel viele indigene Gemeinschaften im hohen Norden, wie die Samis, weniger über den Klimawandel als über sogenannte ‘grüne’ Entwicklungsprojekte – etwa den Bau von Minen für die Energiewende –, die ihren Lebensraum beeinträchtigen.“

Journalistische Spitzenleistung gründet also nicht selten auf persönlichen Erfahrungen mitten im Geschehen. „Aber auch darin, die richtigen Formate zu finden: Es ist dringend notwendig, über komplexe Realitäten zu berichten, ohne das Publikum dabei abzuschrecken. Genau deshalb ist Multimedia so wertvoll – es macht Wissenschaftsjournalismus zugänglicher, interaktiver und ansprechender.“ Neben der Zugänglichkeit betont Rachel Barbara Häubi die kritische Perspektive, die der Journalismus – insbesondere gegenüber der Wissenschaft und ihren Methoden – einnehmen muss. „Wissenschaft für ein breites Publikum verständlich zu machen, sie einzuordnen, aber auch infrage zu stellen, war noch nie so entscheidend wie heute“, betont sie. Denn: Akademische und politische Kreise müssten sich dem Blick und den Fragen der Zivilgesellschaft stellen.

Für guten Journalismus ständig um Gelder kämpfen zu müssen – das ist kein tragfähiges Modell, das weiss auch die Preisträgerin. „Die gesamte Branche steht unter Druck. Selbst herausragende Medienschaffende kehren dem Beruf den Rücken. Ein neues Geschäftsmodell ist wohl unumgänglich – eines, das nachhaltig ist und die journalistische Unabhängigkeit sichert. Für mich ist jetzt nicht der Moment, den Beruf aufzugeben. Jetzt ist die Zeit für Solidarität. Den Medienschaffenden mangelt es nicht an Ideen, um den Beruf neu zu denken – sondern an Ressourcen. Nur gemeinsam können wir die Schweizer Medienlandschaft neu gestalten und die Mittel finden, um das umzusetzen.“

Pierre Gumy (impressum)

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